Im Interview mit Natascha Ditha Berger sprechen wir darüber, warum Liebe nicht für alle gleich aussieht. Die Psychotherapeutin und klinische Sexologin erklärt, wie unterschiedlich Menschen Beziehungen gestalten können, weshalb emotionale Nähe oft stärker verunsichert als Sex und warum ehrliche Kommunikation wichtiger ist als jedes Etikett.
Was Polyamorie bedeutet
Polyamorie bedeutet, dass Menschen gleichzeitig mehrere einvernehmliche romantische oder partnerschaftliche Beziehungen führen können. Alle Beteiligten wissen über die verschiedenen Verbindungen Bescheid und stimmen dieser Form der Beziehung freiwillig zu.
Damit unterscheidet sich eine polyamore Beziehung deutlich vom Fremdgehen. Bei einer Affäre werden bestehende Vereinbarungen gebrochen oder wichtige Informationen verschwiegen. Bei einvernehmlicher Nicht-Monogamie stehen dagegen Transparenz, Konsens und Eigenverantwortung im Mittelpunkt.
Wie das konkret aussieht, ist individuell. Manche Menschen führen mehrere gleichwertige Beziehungen. Andere unterscheiden zwischen einer Hauptbeziehung und weiteren Partnerschaften. Wieder andere verzichten bewusst auf Hierarchien.
Es gibt also nicht die eine Anleitung, nach der alle polyamoren Beziehungen funktionieren. Entscheidend ist, dass Bedürfnisse, Erwartungen und Grenzen offen besprochen werden.
Offene Beziehung oder mehrere Liebesbeziehungen?
Polyamorie und offene Beziehungen werden häufig miteinander verwechselt. Die Begriffe können sich überschneiden, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte.
Bei einer offenen Beziehung vereinbart ein Paar häufig, dass sexuelle Kontakte mit anderen Menschen erlaubt sind. Die romantische oder emotionale Bindung soll jedoch exklusiv bleiben. In polyamoren Konstellationen können dagegen auch Verliebtheit, Liebe und langfristige Partnerschaften mit mehreren Personen entstehen.
Wer sich genauer mit der sexuellen Öffnung einer Partnerschaft beschäftigen möchte, findet in unserem Beitrag über die offene Beziehung und ihre Chancen und Herausforderungen weitere ehrliche Einblicke.
Wichtig ist weniger, wie sich ein Beziehungsmodell nennt. Viel wichtiger ist, ob alle Beteiligten dasselbe darunter verstehen. Begriffe können Orientierung geben – sie ersetzen aber kein offenes Gespräch.
Wenn Sex leichter ist als Gefühle
Ein besonders spannender Punkt im Interview betrifft den Unterschied zwischen sexueller und emotionaler Nähe. Manche Paare vereinbaren relativ entspannt, dass Sex mit anderen Menschen erlaubt ist. Problematisch wird es erst, wenn danach ein Kaffee getrunken wird, regelmäßige Treffen stattfinden oder Gefühle entstehen.
Sexuelle Lust wirkt für viele Menschen begrenzbar. Eine körperliche Begegnung beginnt, endet und lässt sich scheinbar klar einordnen. Emotionale Nähe fühlt sich dagegen weniger kontrollierbar an. Sie kann Verlustängste auslösen und die Frage aufwerfen, ob die bestehende Beziehung noch denselben Stellenwert hat.
Doch Gefühle lassen sich nicht zuverlässig verbieten. Eine Regel wie „Du darfst Sex haben, dich aber nicht verlieben“ klingt eindeutig, kann in der Realität jedoch schnell an ihre Grenzen kommen. Hilfreich können folgende Fragen sein:
- Was bedeutet emotionale Exklusivität für uns?
- Welche Nähe zu anderen fühlt sich noch gut an?
- Was passiert, wenn sich jemand verliebt?
- Wie viel möchten wir voneinander wissen?
- Welche Vereinbarungen dürfen verändert werden?
In ihrem Buch „Mono Offen Poly? Beziehung ist verhandelbar“ richtet Natascha Ditha Berger den Blick weniger auf feste Beziehungsmodelle, sondern auf die Qualität der Kommunikation. Denn ganz gleich, ob monogam, offen oder polyamor: Viele Konflikte entstehen durch unausgesprochene Erwartungen, verborgene Bedürfnisse und die Angst vor möglichen Konsequenzen.
Das Buch lädt dazu ein, eigene Vorstellungen von Nähe, Treue und Partnerschaft kritisch zu hinterfragen. Statt starren Rollenbildern zu folgen, können Liebende gemeinsame Regeln entwickeln, die zu ihrem Leben passen. Das Buch ist bei Amazon erhältlich.
Eifersucht ist kein Gegenbeweis
Eifersucht verschwindet nicht automatisch, sobald Menschen ihre Beziehung öffnen. Auch sehr reflektierte Personen können Unsicherheit, Verlustangst oder Vergleichsdenken erleben.
Das bedeutet nicht sofort, dass die gewählte Beziehungsform falsch ist. Eifersucht kann vielmehr sichtbar machen, dass gerade Sicherheit, Aufmerksamkeit, Verbindlichkeit oder Klarheit fehlen.
Statt das Gefühl zu verdrängen, lohnt es sich, genauer hinzusehen:
- Wovor habe ich konkret Angst?
- Fühle ich mich weniger wichtig oder austauschbar?
- Wurde eine Vereinbarung verletzt?
- Brauche ich mehr Nähe oder Information?
- Vergleiche ich mich gerade mit einer anderen Person?
In unserem Beitrag über Eifersucht in offenen Beziehungen erfährst du, welche Auslöser dahinterstecken können und wie ein konstruktiver Umgang mit diesen Gefühlen aussehen kann.
Verantwortung für die eigenen Emotionen zu übernehmen bedeutet nicht, mit allem einverstanden sein zu müssen. Grenzen dürfen ausgesprochen und Vereinbarungen neu verhandelt werden.
Ist Polyamorie die richtige Beziehungsform für dich?
Polyamorie ist weder moderner noch automatisch freier, reifer oder ehrlicher als Monogamie. Jedes Beziehungsmodell kann liebevoll und respektvoll gelebt werden – oder von unausgesprochenen Erwartungen und unklaren Grenzen geprägt sein.
Entscheidend ist daher nicht, welches Modell von außen besonders fortschrittlich wirkt. Die wichtigere Frage lautet: Welche Form von Beziehung entspricht deinen tatsächlichen Bedürfnissen?
Bevor du eine bestehende Partnerschaft öffnest, solltest du dich fragen:
- Möchte ich wirklich mehrere Beziehungen führen?
- Kann ich meinem Gegenüber dieselben Freiheiten zugestehen?
- Versuche ich, mit der Öffnung bestehende Probleme zu lösen?
- Sind alle Beteiligten wirklich freiwillig dabei?
- Können wir auch über unangenehme Gefühle sprechen?
Unsere Checkliste für eine offene Beziehung kann dir dabei helfen, deine Wünsche, Ängste und Erwartungen realistischer einzuschätzen.
Natascha Ditha Berger beschäftigt sich auch in ihrem Buch „Mono Offen Poly? Beziehung ist verhandelbar“ mit der Frage, wie Menschen ihr eigenes Beziehungsmodell bewusster gestalten können. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht starre Kategorien, sondern Kommunikation, Konsens und echte Freiwilligkeit.
Das Interview zeigt vor allem eines: Es gibt keine Beziehungsform, die automatisch für alle Menschen funktioniert. Liebe kann monogam, offen oder polyamor gelebt werden. Wichtig ist nicht, ob eine Beziehung einem gesellschaftlichen Ideal entspricht. Wichtig ist, dass alle Beteiligten ehrlich miteinander umgehen, Verantwortung übernehmen und ihre eigenen Grenzen genauso ernst nehmen wie die der anderen.


